Du hast alles gut vorbereitet, fühlst dich geerdet und ready für die Session.
Und dann sitzt ein Mensch vor dir, dessen Trauer plötzlich den ganzen Raum füllt.
Du spürst Anspannung im Bauch, suchst nach den richtigen Worten und fragst dich, ob du vielleicht etwas falsch gemacht hast.
Also versuchst du, den Menschen möglichst schnell wieder in einen angenehmeren Zustand zu bringen.
Die entscheidende Frage dabei ist:
Braucht dieser Mensch gerade wirklich eine Veränderung?
Oder brauchst du sie, weil seine Trauer etwas in dir berührt, dem du selbst lieber ausweichst?
Dieser Moment zeigt uns einen der wichtigsten Aspekte guter Begleitung:
Unsere Beziehung zu dem, was in uns selbst lebendig wird in der Arbeit mit anderen Menschen.
Denn was wir in uns vermeiden, kann auch unsere Begleitung begrenzen.
Wenn wir unsere eigene Wut vor allem als gefährlich erleben, fällt es uns möglicherweise schwer, der Wut eines anderen Menschen mit Offenheit zu begegnen.
Wenn Hilflosigkeit für uns kaum auszuhalten ist, greifen wir vielleicht vorschnell zum nächsten Tool.
Wenn wir Sicherheit vor allem durch Kontrolle herstellen, wird es herausfordernd, einen Prozess offen zu begleiten.
Das geschieht oft unbemerkt. Wir meinen es gut. Wir wollen helfen. Und manchmal hilft uns das Helfen dabei, unsere eigene Unsicherheit weniger zu spüren.
Gerade deshalb lohnt es sich, ehrlich hinzuschauen.
Denn in dieser Arbeit kann sich unser Ego erstaunlich gut als Expertise verkleiden:
Wir kennen die Fachbegriffe, erklären das Nervensystem und wissen, welche Methode wann sinnvoll sein könnte.
Gleichzeitig kann es Bereiche in uns geben, denen wir selbst kaum begegnen möchten.
Ein Zertifikat allein verändert diese Beziehung zu uns selbst noch nicht. Dafür braucht es eigene Erfahrung.
Gute Begleitung braucht neben Wissen auch innere Kapazität.
Damit meinen wir die Fähigkeit, wahrzunehmen, was in uns passiert, und gleichzeitig mit dem Menschen vor uns in Kontakt zu bleiben.
Oder einen eigenen Impuls zu bemerken, ohne ihm sofort folgen zu müssen.
Oder Unsicherheit auszuhalten, während wir herausfinden, welche Unterstützung tatsächlich gebraucht wird.
Diese Kapazität zeigt sich auch darin, langsamer zu werden, eine Pause zu machen oder die eigenen Grenzen anzuerkennen.
Tiefe kann sehr leise sein.
Selbstverständlich haben auch erfahrene Begleiter:innen offene Themen, empfindliche Stellen und schwierige Tage.
Professionalität bedeutet für uns, damit bewusst umzugehen:
Die eigenen Reaktionen ernst zu nehmen, Unterstützung zu suchen und Verantwortung dafür zu übernehmen, wie sie unsere Arbeit beeinflussen.
Selbsterfahrung, Supervision und ehrliches Feedback schaffen dafür wichtige Räume.
Bei Intesoma gehört die Auseinandersetzung mit dir selbst deshalb zum Kern der Ausbildung.
Du lernst deinen Atem kennen, dein Nervensystem und deine Schutzstrategien.
Du erforschst, wie du auf Nähe, Intensität, Trauer oder Kontrollverlust reagierst.
Und du entwickelst mit der Zeit mehr Möglichkeiten, damit umzugehen.
Vielleicht liegt der nächste Entwicklungsschritt deiner Arbeit genau hier:
- Bei der Trauer, die du schnell wegatmest.
- Bei der Wut, für die du sofort eine verständnisvolle Erklärung findest.
- Bei dem Moment, in dem du unbedingt kompetent wirken möchtest, obwohl du gerade unsicher bist.
Nimm dir heute ein paar Minuten für diese Fragen:
Welche Gefühle fallen mir bei anderen schwer?
Was passiert dabei in meinem Körper?
Und wo kenne ich dieses Ausweichen aus meinem eigenen Leben?
Lass dir Zeit mit den Antworten.
Vielleicht bemerkst du zunächst nur einen kleinen Impuls oder eine Anspannung. Auch das ist ein Anfang.
Aus diesem ehrlichen Kontakt mit dir selbst kann eine Präsenz wachsen, die deine Begleitung spürbar verändert.